Bei Microsoft tut sich was. Nachdem das Unternehmen über Jahre vieles falsch gemacht und Trends verschlafen hat, versucht die Konzernführung jetzt mit aller Macht die Fehler wieder gut zu machen und Microsoft in eine gute Ausgangsposition für zukünftige Themen zu bringen. Microsoft bereitet sich auf ein neues Zeitalter vor: das Post-Homecomputer-Zeitalter.
Entwicklungen verschlafen
Jahrelang bzw. jahrzehntelang hat Microsoft viele Trends verschlafen, die heute Milliardenmärkte sind. Bill Gates hatte die revolutionären Möglichkeiten des Internets und seinen Aufstieg zum allesdurchdrängenden Medium nicht erkannt. Microsoft verschlief die Entstehung des Smartphone- und später des Tabletmarktes und das Unternehmen verstand nicht gute kleine Ideen zu einer großen und gutfunktionierenden zusammenzufassen. Das holt Microsoft jetzt nach.
Skype-Übernahme
Den ersten großen Schritt hat Microsoft mit der Übernahme von Skype für satte 8,5 Mrd. Dollar. Das stellte die bis dahin größte Übernahme in der 36-jährigen Geschichte des Konzerns da. Ballmer jubelte damals zurecht, dass „Skype mit Microsoft zu verknüpfen, [...] ein gewaltiges Umsatzpotenzial“ bietet und dass, obwohl die Mehrheit der Skype-Nutzer den VoIP-Dienst kostenlos nutzt. Von den 170 Mio. Kunden, nutzen nur 6% die Möglichkeit, von Skype ins Fest- oder Handynetz zu telefonieren. Diese Möglichkeit ist Skypes größte Einnahmequelle. Videotelefonie über das Handy gilt als Wachstumsmarkt. Für Microsoft bzw Skype bietet das die Möglichkeit, Werbung zu platzieren und neue Einnahmen zu generieren.
Microsofts großes Ass im Ärmel ist die schon existierende Integration von Skype in Facebook. Microsoft hält an dem Unternehmen 1,6% und enge wirtschaftliche Beziehungen (zB. Bing). Damit dürfte nicht nur der Bestand von 170 Mio. Kunden gesichert sein, sondern es besteht sogar das Potenzial, dass die Nutzerschaft in Zukunft noch deutlich wächst, vor allem dann, wenn es Microsoft gelingt, Skype in andere Hausprodukte zu integrieren, wie etwa in Kinect oder den Betriebssystemen für insbesondere Smartphones und Tablets.
Yahoo-Übernahme wäre konsequent
Ähnlich wie mit Facebook besteht auch mit Yahoo eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit. Yahoo setzt zum Beispiel die Suchtechnologie von Microsofts Suchmaschine Bing für die eigene Suchmaschine ein. Die Übernahme Yahoos könnte sogar ein – im Vergleich zur gescheiterten Übernahme 20o8 – werden. Damals versuchte Microsoft den Konzern für 45 Mrd. Dollar zu übernehmen, heute wird der Wert des Unternehmens auf noch nicht einmal 25 Mrd. Dollar geschätzt. Für Microsoft würde die Übernahme Yahoos erhebliches Potenzial bedeuten. Yahoo hat weltweit ca. 622 Mio. Kunden und bietet diverse vielgenutzte Produkte, darunter Yahoo Mail, Yahoo Messenger und Flickr.
Yahoo Mail hat ca. 300 Mio. Nutzer und ist damit das zweitgrößte Freemail-Angebot der Welt. Googles Googlemail bzw. GMail würde kräftig unter Druck geraten und Microsoft hätte einen neuen Absatzmarkt für Werbung. Yahoo Mail liese sich auch hervorragend in andere Produkte integrieren: Smartphones, Tablets, Office und Skype, aber auch in andere.
Der Yahoo Messenger könnte in den hauseigenen Instant-Messenger MSN integriert werden. MSN selbst könnte dann wiederum in fast alle anderen Produkte eingefügt werden, insbesondere in die Betriebssysteme, Skype und Kinect.
Flickr könnte zum Beispiel als Erweiterung der eigenen Suchmaschine Bing genutzt werden oder in Kooperation mit Facebook auch als integrierte Facebook-App.
Noch immer gilt Yahoo als eine Hausmacht im Online-Ad-Markt, obwohl die Erlöse immer weiter sinken. Microsoft würde also seine Postion in diesem Markt erheblich stärken und Konkurrenz wie Google und Facebook (trotz 1,6%-Beteiligung) erheblich unter Druck setzten und ein großes Stück vom Kuchen abbekommen. Sollte die Yahoo-Übernahme bzw. der Erwerb der von 10 bis 15% gelingen, würde das für Microsoft ein großer Schritt in eine gesicherte Zukunft bedeuten.
Übernahmegerücht für Nokias Smartphone-Geschäft
Vor ein paar Tagen ging die Nachricht durch die Szene, dass Microsoft das Smartphone-Geschäft samt Patente und zwei Fabriken von Nokia übernehmen möchte. Das von den Technikjournalist Eldar Murtazin in die Welt gesetzte Gerücht würde, wie ich in meinem Artikel und dem Kommentar geschrieben habe, hervorragend in die neue Microsoft-Strategie passen. Ähnlich wie Google es mit Motorola gemacht hat, plane also auch Microsoft den Erwerb eines Smartphone-Herstellers um seine Software-Plattform Windows Phone auf dem Markt zu etablieren. Microsoft und Nokia gelten beide als die großen Verlierer des Smartphone-Marktes. Nokias Marktanteil sinkt stetig (auf im konventionellen Handymarkt) und Microsofts Software dümpelt seit Jahren in der Bedeutungslosigkeit. Die Übernahme könnte eine Renaissance des Betriebssystems bedeuten. Würde es damit Microsoft gelingen, neue Marktanteile zu erkämpfen und sich als neuer großer Player in dem Smartphone- und später im Tablett-Markt zu etablieren, wäre die Neuausrichtung des Konzern größtenteils abgeschlossen. Die Übernahme biete die Möglichkeit, dass Microsoft nicht nur eine gute Plattform zu Verfügung stellt, sondern ein perfekt abgestimmtes Produkt aus einer Hand mit guter Integration von Kinect, Skype, Office, MSN, Flickr, Facebook, Yahoo Mail, Bing und dem hauseigenen Cloud-Computing-Dienst.
Eine weiterverbreitetes Betriebssystem würde die Umsatzmöglichkeiten des Konzens deutlich vergrößern. Bing würde mehr Reichweite und Relevanz bekommen, der Fortbestand von anderen Produkten wäre gesichert, der Windows Store hätte gute Chance ein Geldesel des Konzern zu werden, die Möglichkeit mehr Kunden zu gewinnen wäre geschaffen und die Attraktivität für Werbekunden würde deutlich steigen.
Baut Microsoft dann noch eine gute Fernseh-Plattform (mit Kinect, Windows Store, Bing, Facebook, Flickr, MSN und Skype), Microsoft würde der Konkurrenz von Google, Apple, Amazon und Facebook kräftig Angst einjagen und neue Impulse für die rasche Weiterentwicklung von Produkten und des Marktes geben.
Update (21.01.2012)
Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung heute berichtete, ist die Windows-Sparte nicht mehr die wichtigste des Konzerns. Seit zwei Jahren schon verdient Microsoft mehr mit Office als mit Windows und seit dem dritten Quartal 2011 auch mehr mit Windows für Rechenzentren (Server). Der Hauptgrund für die rückläufigen Windowsverkäufe ist der wachsende Tablet-Markt, bei dem vor allem Apple mitwächst und nicht Microsoft.
Während das Windows-Geschäft um 6% zurück ging, steigerte Microsoft den Gesamtumsatz um 5%, weil die Officesparte um 3%, das Geschäft mit der Suchmaschine Bing um 10% und die Unterhaltungssparte (Xbox etc.) um 15% zulegte.
Update (25.01.2012)
Apple hat nun seine Geschäftszahlen für das 4. Quartal 2011 vorgelegt. Was bedeutet das für Microsoft? Apple ist nun wieder der größte Handyhersteller der Welt – Samsung durfte sich zwei Wochen lang als Nummer Eins feiern – Microsofts Windows Phone findet dagegen weiterhin keinen Absatz. Apple ist auch weiterhin die absolute Nummer Eins des Tabletmarkts und wenn man Tablets zu Computern dazurechnet nun auch der größte Computerhersteller. Microsoft bekommt weder im Tabletmarkt einen Fuß in die Tür, noch steigt der Umsatz und Gewinn im Homecomputerbereich. Im Gegensatz zu Microsoft scheint Apple den Übergang ins Post-Homecomputer-Zeitalter gemeistert zu haben und sich sogar als der große Player der IT-Branche zu behaupten.